Dienstag, 21. Oktober 2014

Oberstes Prinzip Einmischung: Franziskus, der politische Papst

Seitdem Jorge Mario Bergoglio auf dem Stuhl Petri sitzt, hat ein grundlegender Wandel in der katholisch-römischen Kirche eingesetzt. Auch bei Nichtchristen löste seine offene und humorvolle Art Begeisterung aus. Er versucht die Kirche grundlegend umzukrempeln, indem er ihr feudales Image beseitigt. Doch nicht nur das, er will auch ihr Selbstbild ändern.

Neben den Veränderungen im Vatikan, die die Kurie weltoffener gestalten sollen, mischt er sich in das politische Weltgeschehen ein. Das mag aufgrund seiner argentinischen Herkunft nicht verwunderlich sein. Bereits zu Beginn seiner Amtszeit verdeutlichte er schnell seinen Wunsch nach einer armen Kirche für die Armen. Umso wichtiger war es für die katholische Kirche, einen Papst von der Südhalbkugel zu wählen, denn dort lebt die Mehrzahl der KatholikInnen und ihre Lebenswirklichkeit ist eine andere als in Europa. 
Das besondere Augenmerk auf die Armen ist in der lateinamerikanischen Kirche kein Novum und daher ist sein Wunsch nach einer armen Kirche sehr an der lateinamerikanischen Wirklichkeit orientiert. Vor allem mit den Theologien der Befreiung, die ihren Ursprung in den späten 1960-iger Jahren hatten, setzten sich Theologen intensiv mit gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Problemen auseinander. Durch die extremere Erfahrung Armut und sozialer Ungleichheit war die Fürsorge durch die katholische Kirche besonders wichtig. Franziskus rückt in seinem Pontifikat die Bedürftigen, Armen und Benachteiligten in die Mitte seines Handelns und fordert das stetig auch von den Regierungen in Ländern, die sich in Krisen oder im Krieg befinden. Damit geht jedoch die Kritik an Strukturen, die Elend und Armut verursachen, einher.

Kritik aus dem Hause Gottes

Auch in seiner ersten Enzyklika Evangelii Gaudium steht der Mensch in Zentrum seines Denkens. Dort kritisiert er heftig kapitalistische Strukturen, die einen Teil der Menschen ausschließen und sie an den Rand der Gesellschaft drängen. Aus seiner Erfahrung der argentinischen Elendsviertel ist diese Haltung durchaus verständlich. Insbesondere Befreiungstheologen hatten dort den Schwerpunkt ihrer pastoralen Arbeit gelegt.
Zwar ist die Kritik am Kapitalismus durch das höchste Kirchenoberhaupt nicht neu, doch sein Pontifikat verleiht ihr eine stärkere politische Dimension. Er nutzt nicht nur das Vokabular der Befreiungstheologen, die die Befreiung von ausbeuterischen und entmenschlichten Strukturen forderten, sondern thematisiert aktuelle Probleme und Krisen. Eindrücklichstes Ereignis war vielleicht das Friedensgebet mit Mahmud Abbas und Schimon Peres in den Vatikanischen Gärten.
Sein Prinzip lautet, sich einzumischen. Franziskus betonte, es gehe ihm nicht um die große Politik, sondern um die Vermittlung von Werten. Werte wie Menschenrechte und Gerechtigkeit bedeuten aber zwangsläufig das Betreiben einer aktiven Friedenspolitik. Seine jedenfalls ist weltumspannend, und er spickt sie mit wirkungsmächtigen Gesten und Worten, ausgedrückt durch seine demonstrative Nahbarkeit und Demut.
Als Papst der Armen wird er bereits gesehen. Als Weltpolitiker inszeniert er sich stetig und geht an die Orte, die selbst für PolitikerInnen und DiplomatInnen ein heikles Parkett darstellen würden. Sein Pontifikat hat bereits eine ausgeprägte politische Dimension, die der Kirche ein neues und weltoffenes Gesicht verleiht.

von Lisa Marie Kupsch