Sonntag, 2. November 2014

Wenn Kinder Gewerkschaften gründen

Anfang August trat in Bolivien ein Gesetz in Kraft, das die Kinderarbeit ab zehn Jahren legalisiert. Auf den ersten Blick scheint es ein Rückfall in mittelalterliche Gesellschaftsstrukturen zu sein, doch für die bolivianische Regierung ist es ein Fortschritt im Kampf gegen die extreme Armut.

Fast jedes vierte Kind in Bolivien arbeitet. Das Andenland legalisierte unter dem ersten indigenen Präsidenten Evo Morales die Kinderarbeit. Entgegen aller internationaler Abkommen, die die Kinderarbeit verbieten, heißt es nun in der bolivianischen Verfassung, dass die Ausbeutung von Kindern verboten ist und nicht mehr die Kinderarbeit. Das Mindestalter für arbeitende Minderjährige liegt zwar weiterhin bei 14 Jahren, allerdings dürfen in Ausnahmefällen auch Kinder ab zehn Jahren selbstständig arbeiten. Sie dürfen aber keiner/m ArbeitgeberIn unterstehen und sich nur selbst verdingen. Zwölfjährige können mit Einverständnis der Eltern einen Antrag beim Arbeitsministerium stellen, wenn sie einer Beschäftigung nachgehen wollen.

In Bolivien, einem der ärmsten Länder Südamerikas, sind viele Familien auf die Mitarbeit ihrer Kinder angewiesen. Die Arbeit in den Minen des Landes oder bei der Zuckerrohrernte ist gänzlich verboten, um gemäß der Verfassung die Kinder nicht auszubeuten. Mit den gesetzlichen Regelungen soll das Land von der extremen Armut befreit werden, indem nach Schätzungen des bolivianischen Arbeitsministeriums rund 840.000 Kinder arbeiten.

Das Recht selbst erkämpft


Wer denkt, das neue Gesetz wäre von der Regierung ersonnen, der irrt. Das Recht auf legale Arbeit haben sich die Kinder teilweise selbst erkämpft. Sie gründeten eigene Gewerkschaften, denn wer illegal arbeitet, hat keine festgeschriebenen Gesetze und wird oftmals ausgebeutet. Die Union der Kinder- und JugendarbeiterInnen UNATSBO (Unión de niños, niñas y adolescentes trabajadores de Bolivia) vertritt die jungen SchuhputzerInnen, FriedhofsgärtnerInnen, VerkäuferInnen und MüllsammlerInnen. Die kleinsten GewerkschaftlerInnen der Welt forderten schulkompatible Arbeitszeiten, faire Arbeitsbedingungen und eine Krankenversicherung. Die stärkste und erste Regionalgruppe CONATSOP in Potosí wurde bereits 1992 von den Minenkindern gegründet. Durch die Gewerkschaft haben sie sich eine Stimme verschafft und eigene Vorschläge für den neuen Gesetzentwurf erarbeitet.

So paradox es durch die westliche Brille auch sein mag, wenn Kindern Arbeitszeiten fordern, die nicht mit dem Unterricht kollidieren, so holt das neue Gesetz die Kinderarbeiter aus der Illegalität und Kriminalisierung. Es stärkt ihr Selbstbestimmungsrecht – auch wenn fraglich bleibt, wie und warum freiwillig ein minderjähriges Kind arbeiten gehen möchte. Da die Kinderarbeiter gezwungen sind, zum Familieneinkommen beizutragen, verleiht ihnen das Gesetz einen gewissen Schutz und mehr Selbstbestimmung.
Für die bolivianische Regierung ist die Neuregelung eine Anpassung an die Realität und ein Schritt, um die extreme Armut bis 2025 zu überwinden. Bis dahin ist es Aufgabe der Regierung, die legale Kinderarbeit in Bolivien überflüssig zu machen.


von Lisa Marie Kupsch