Donnerstag, 26. Januar 2017

Buchrezension: Instructions for british Servicemen in Germany 1944 / Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Was für deutsche Soldaten in der Bundeswehr heute zu Pflichtstunden in Vorbereitung auf einen bewaffneten Kampfeinsatz in den Verbänden der KFOR oder ISAF dient, war für die britischen Truppen auf ihrem Weg in den Kampf gegen Nazideutschland im Jahr 1944 schriftlich festgelegt worden. Von einer wissenschaftlichen Analyse der Deutschen ist man dabei jedoch weit entfernt.

Als der Verleger Helge Malchow zu Besuch bei einem seiner Autoren war, fiel ihm ein kleines bordeauxrotes Hardcover-Büchlein, in einem jedoch desolaten Zustand in die Hände. Es war die Originalausgabe des damaligen Leitfadens für britische Soldaten in Deutschland 1944, welcher die Soldaten des British Empires auf das bevorstehende Leben als Teil einer Besatzungsmacht in Mitteleuropa vorbereiten sollte.
Es beschreibt in einer für uns, in der heutigen Zeit, skurrilen Art und Weise die soziale Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung von innen und außen. In kurzen Übersichten werden die zuvor sehr einseitigen und emotionsgeladenen  „DO’s“ und „DON’Ts“ für den wohl durchaus sehr grob gestrickten Soldaten zusammengefasst und besonders vor german Schnaps gewarnt: „The cheaper sorts are guaranteed to take the skin off one’s throat.“ Auch der Blick der Deutschen auf die Briten selbst wird gewährt und bringt so einiges Gedachtes, aber Unausgesprochenes, ans Tageslicht.  Die Taten der Gruppe um Graf Stauffenberg werden nur in einem Satz erwähnt und sofort negiert um das Bild des fanatischen deutschen Nazis aufrecht zu erhalten. Das gesamte deutsche Volk wird als zutiefst verlogen und hinterhältig beschrieben. „There are fanatical young Nazis - girls as well as boys - whose heads and hearts are still full of the vicious teachings they absorbed in the Hitler Youth.“ Einzig und allein werden Autobahnen, Bier und Sauerkraut als positive deutsche Errungenschaften aufgelistet und beschrieben. Der sehr wirre Aufbau des Buches dient einzig und allein dem Aufbau der eigenen nationalen Propagandamaschinerie und macht es möglich einen Punkt auch auf den nur wenigen Seiten des Buches, ganze dreimal zu wiederholen, um es wirklich in die Köpfe der einfachen Soldaten einzubrennen. Es wird darauf hingewiesen, dass: „Venereal diseases (Geschlechtskrankheiten) strike at every fourth person between the ages of 15 and 41.“ Das Buch zählt mit seinen etwa einhundertzwanzig Seiten (60 auf Deutsch / 60 auf Englisch) und seiner einfachen Sprache keineswegs zur Hochkultur britischer Literatur, aber es dient der groben Betrachtung von Klischees die in den Jahren um 1944 wohl viel mehr vor grobem Fehlverhalten der britischen Besatzer in Deutschland warnten, als die Aufgabe eines Bestsellers zu übernehmen hatten. Mit seiner dilettantischen Übersetzung wird es dieser in unserer heutigen Zeit nun jedoch gerecht.

Text_Florian Lemke


Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944. Deutsch/Englische – Ausgabe. Mit einer Einleitung von John Pinford. Übersetzt von Klaus Modick. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 160 Seiten, 8 EUR.