Samstag, 20. Dezember 2014

Erster Mauerfall Europas

Kann man aus Geschichte lernen? Welche Verantwortung erwächst aus der Geschichte für eine Gesellschaft?

In Berlin wurde am 9. November 2014 25 Jahre Mauerfall gefeiert. Dieses Ereignis wurde mit einer Lichtgrenze, bestehend aus hell erleuchteten Heliumballons, die die ehemalige Mauer symbolisierten, gefeiert. Während tausende Berlin-Besucher an jenem Wochenende die ehemalige Grenze entlang spazierten und vorm Brandenburger Tor der Jahrestag des Mauerfalls gefeiert wurde, ergriffen einige KunstaktivistInnen unbemerkt die Initiative zu einer besonderen Art des Gedenkens. Das Zentrum für politische Schönheit sorgt mit Kunstaktionen für Aufmerksamkeit. Ihre Künstler erkennt man an mit Kohle verschmierten Gesichtern. Mit ihren Aktionen treten sie auf, um damit auf humanitäre Probleme und Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen.

Mauer-Kreuze entführt

So nahmen sie die Zeit der Feierlichkeiten und Gedenkveranstaltungen in Berlin rund um den 9. November zum Anlass und entfernten die Gedenktafeln für die Mauertoten am Spreeufer unweit vom Reichstag entfernt. „Wir können den alten Mauertoten nur vollumfänglich gedenken, wenn wir auch den neuen Mauertoten gedenken“, so Cossy Leonard, die Chefin des Planungsstabs der Aktion.
Mit dieser Aktion werben sie für ihre Kampagne „Erster Europäischer Mauerfall“. Am 9. November wollten sie in die Grenzanlagen Südeuropas Löcher schneiden und so auf die Flüchtlingssituation an den Grenzen Europas aufmerksam machen. Die 14 weißen Gedenkkreuze für die Maueropfer sollen während der Feierlichkeiten in Berlin an der EU-Außengrenze angebracht werden, also dort „wo heute gestorben wird“.  
Es begann eine groß angelegte Crowdfunding-Kampagne mit rund 100 KunstaktivistInnen, die bereits am 7. November in Berlin los fuhren und am 9. November an einem geheimen Ort in Bulgarien mit dem Ziel ankamen, einen Teil der europäischen Festung zu knacken.

Die Grenzen sind dicht

Die Bilder von gekenterten Flüchtlingsbooten im Mittelmeer sind mittlerweile allgegenwärtig. Nach Angaben des Zentrums für politische Schönheit sind seit dem Mauerfall 30.000 Menschen an den Außengrenzen Europas ums Leben gekommen. Bereits mehr als 150.000 Bootsflüchtlinge sind laut der italienischen Regierung an den Küsten in diesem Jahr angekommen. Die EU startete nun eine neue Grenzschutz-Mission zur Überwachung der Küstengewässer vor Italien. Die EU-Mission namens Triton wird von MenschenrechtlerInnen kritisiert, weil sie vor allem der Grenzsicherung, nicht aber der Rettung von Menschen in Not diene. Bulgarien schottet seine Landesgrenze nun mit der sogenannten „Eindämmungsanlage“ ab. Somit sind die Landesgrenzen von der Türkei nach Griechenland und Bulgarien dicht.
Doch wozu die weißen Gedenkkreuze der Mauertoten und wo sind sie wieder aufgetaucht? Sie sind in die Wälder von Gourougou vor den Todesstreifen von Melilla, an die „Eindämmungsanlage“ an der bulgarisch-türkischen Grenze und an den griechischen „Schild“ in die Hände von Flüchtlingen gebracht worden. Auf der Homepage des Zentrum für Politische Schönheit sind Fotos zu sehen, auf denen die Flüchtlinge die Kreuze in den Händen halten. Die Kreuze seien in einem Akt der Solidarität zu ihren Brüdern und Schwestern, der Mauertoten von damals, geflüchtet, so Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit.

Gedenken oder weiter denken

Worauf die Aktion also auch aufmerksam macht?
Gedenken heißt nicht, die immer gleichen Reden und Phrasen zu hören. Immer gleiche Rituale zu zelebrieren und teure Installationen  wie die Lichtgrenze (Kosten: mehr als eine Million Euro) aufzubauen.
Gedenken kann auch heißen, sich auf die Geschichte zu besinnen, um gegenwärtige und künftige Entwicklungen zu erkennen und zu verhindern. So erwächst aus den Erfahrungen, die mit dem Mauerfall vor 25 Jahren gemacht worden sind, auch eine Verantwortung für die Zukunft. Den Ereignissen der Vergangenheit sollte nicht mit einem verklärten Blick gedacht werden. Vielmehr müssten die Augen auf das gerichtet werden, was unmittelbar vor der Haustür Europas passiert.

Text_Sophie Stern