Freitag, 27. Januar 2017

Rezension: Kriegerin

Es gibt kaum einen Film, dessen Sexszenen so abstoßend erscheinen, wie jene in Kriegerin. Dennoch bietet die deutsche Darstellung des Neonazi-Milieus viel Nachdenkliches und Erschreckendes, aber auch Hoffnung.

Die Geschichte der jungen Nazibraut Marisa, deren Freund für einige Monate ins Gefängnis muss, deren Mutter nicht weiß, wie sie mit der politischen Einstellung der Tochter umgehen soll, die Beziehung zum Nazi-Opa, und das prekäre Leben als hasserfüllte Supermarktkassiererin wirken stereotyp. In vielen Kritiken wurde die Darstellung eines Klischees kritisiert. Doch die Verbindung von alternden Agitatoren, nazistischen Liedermachern und dem prügelnden Mob bekommt in Kriegerin einen Realismus, der Angst macht.
Wer Bekannte oder Verwandte aus rechten Kreisen hat, wird erstaunlich oft denken: Genau so läuft das wirklich ab. Die ideologisch fundamentalisierte Gewalt gegen andere und auch unter sich selbst, die Musik im alten Golf II, die allzu sehr nach Brechreiz klingt. Und dann die Gewaltspirale gegenüber dem jungen Asylbewerber. In Kriegerin bekommt diese konträre Beziehung zwischen Nazibraut und Flüchtling einen Veränderungscharakter. Es kommt der Punkt, an dem diese Gewaltbeziehung durch eine Grenzüberschreitung etwas in Marisa verändert. Vielleicht auch in der Nachfolgerin Svenja, die als 15-Jährige über ihren „Freund“ in die Szene rutscht und sich leicht beeinflussen lässt. Somit einerseits den reziprok stattfindenden Handlungsstrang zur zweifelnden Hauptdarstellerin mimt, andererseits aber auch deren eigener Einstiegsphase nachläuft. Dass dieser Film nicht alle modernen Formen von Öko-Nazis, Nipstern und den Normal-Bürger vortäuschenden Parlamentarier darzustellen vermag, sollte eigentlich offensichtlich sein. Er muss es auch gar nicht. Warum dieser Film so grandios erschreckend ankommt, ist eben nicht die extreme Überhöhung von Gewalt und Stereotypen. Das Fehlen einer unreal wirkenden abrupten Aussteigerin, aber dafür eine mit sich hadernde, Selbstzweifel in sich hineinfressende, machen dieses Werk zu einer der besten Produktionen im Bereich der politischen Bildung. 

Text_Fritz Beise