Freitag, 27. Januar 2017

Was wurde eigentlich aus…der Mafia?

Schießereien, Männer mit dicken Bäuchen, grauen Haaren, dicken Goldketten, Silberringen an ihren Fingern, Zigarren in der Hand: Das ist wohl das Bild, das die meisten der wohlbekannten Mafia zuordnen können. Doch vor Ort existiert „Cosa Nostra“ (ital. unsere Sache) nur am Rande. Ein Live-Bericht aus Catania.

Gerlandino Messina, Bernardo Provenzano, Salvatore Riina. Namen dreier Männer, die mehr als eng mit der Geschichte der italienischen und insbesondere der sizilianischen Mafia verknüpft sind. Fallen diese Namen auf einer Straße in der zweitgrößten Stadt Siziliens, Catania, kann niemand etwas damit anfangen. Und das, obwohl die Mafia ihre Ursprünge auf Sizilien findet. Doch was bleibt heutzutage?
Als Neuankömmling, TouristIn oder (Kurzzeit-)BürgerIn Catanias ergeben sich keinerlei Schnittpunkte mit der Mafia – denn niemand spricht darüber. Auf den ersten Blick ist die Mafia verschollen und die Drahtzieher sind untergetaucht. Auch diverse Internetseiten sind sich über diese Situation auf Sizilien einig: Die Mafia ist Geschichte. Dass viele Einwohnerinnen und Einwohner sizilianischer Städte noch nie mit der Mafia zu tun hatten, verwundert nicht, wenn man längere Zeit in einer italienischen Großstadt gewohnt hat. Der Eindruck der mafiösen Omnipräsenz täuscht. Doch hinter diesem ersten Eindruck ist die Mafia noch immer präsent – auch wenn sie an Einfluss verloren hat.

„Ihr müsst euch schützen.“ – „Wovor?“ – „Vor uns.“

Dass die Mafia das Erste ist, woran die meisten denken, wenn der Begriff Sizilien fällt, wissen auch die Einheimischen. Veranstaltungen zur Präsenz der Mafia wie Workshops zum Thema „The Godfather“, angelehnt an den gleichnamigen Film, finden daher beispielsweise für Erasmusstudierende statt. In jenen wird erläutert, dass sich GeschäftsinhaberInnen noch immer mit Schutzgeld auseinandersetzen müssen. Dieses muss an die Mafia gezahlt werden, damit der Erfolg des Geschäfts nicht aufgrund von „zufälligen Zwischenfällen“, wie ausbleibenden KundInnen, verschwundener Ware oder niedergebrannten Lagern, gestört wird. Im Zuge dessen wurde 2004 in Palermo, der größten Stadt Siziliens, eine Anti-Schutzgeld-Initiative (Addiopizzo) gegründet. In jener sind mittlerweile mehr als 400 Geschäfte Mitglied, die allesamt kein Schutzgeld mehr zahlen. Ein Erfolg dessen wird im Internet dargestellt und gehypt, Gespräche mit EinwohnerInnen bestätigen dies jedoch lediglich als Schein. Neue Geschäfte erhalten noch immer Besuch von der Mafia und den entsprechenden Zahlungsaufforderungen.
Nicht selten sind auch dezente Hinweise auf der Straße, man solle Geld zahlen, um sich oder Wertgegenstände zu schützen: „Ihr müsst euch schützen.“ – „Wovor?“ – „Vor uns.“
Wird das entsprechende Schutzgeld nicht ausgerichtet, so werden beispielsweise an den Autos mit Schlüsseln Lackkratzer verursacht: Läuft man mit dieser Information durch sizilianische Städte, so fragt man sich, ob der Schein nicht doch trügt. Die Menschen vor Ort sind selbstsicherer geworden in ihrem Umgang mit der Mafia, einen entschiedener Protest bleibt jedoch aus. Es gehört zur sizilianischen Kultur, dessen Existenz zu akzeptieren. Die Mafia wird von der Bevölkerung als unabdingbare Säule der Wirtschaft wahrgenommen.
Berühmte Mafia-Gegner und aktive Bekämpfer wie Giovanni Falcone mussten ihren Kampf mit dem Leben bezahlen. Was bleibt von der Mafia? Historie, Gerüchte, Wahrheit – und noch immer Aktualität.


Text_Maria Annemüller