Montag, 30. Januar 2017

2016 - darf's noch ein bisschen mehr sein?

Oder wie es in sozialen Netzwerken hieß: Was ist das für 1 Jahr vong life her? Man muss nicht alle Trends des letzten Jahres verstehen. Kann man auch nicht. Es sei denn, man hat alles mitgemacht und hat mit seinem Smartphone Pokémon gejagt und bei der Trennung von Sarah und Pietro Lombardi ebenso mitgefiebert wie bei der von Angelina Jolie und Brad Pitt. Das Schöne an solche Meldungen: Sie sind so irrelevant, dass sie gut ablenken. Von dem, was 2016 sonst noch so war. Und von dem, was man irgendwann nicht mehr hören wollte oder konnte…

Am Ende war es ein Fluchen. „Wann ist dieses verdammte Jahr endlich vorbei?“, fragten sich viele Menschen, die im vergangenen Jahr eines ihrer Idole verloren haben.
Kein Wunder, die Todesrate an Prominenten war extrem hoch: Alan Rickman, der Darsteller von Severus Snape in den Harry-Potter-Verfilmungen, Bud  Spencer, Götz George, Carrie Fisher und ihre Mutter Debbie Reynolds, Anton Yelchin, Hollywood-Diva Zsa Zsa Gabor, DDR-Schauspieler Manfred Krug oder Hendrikje Fitz aus der Arztserie „In aller Freundschaft“. Die Moderatoren Peter Lustig („Löwenzahn“), Jean-Christophe Victor („Mit offenen Karten“), Miriam Pielhau, Jana Thiel oder der Publizist Roger Willemsen starben. Außerdem verließen uns die Politiker Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle, Hildegard Hamm-Brücher, Walter Scheel (alle FDP), Peter Hintze und Lothar Späth (je CDU). Es verstarb Friedensnobelpreisträger Schimon Peres ebenso, wie die teils heftig umstrittenen Margot Honecker und Fidel Castro.

Noch mehr tote Prominente

„Die Musik im Himmel muss toll sein“, behaupteten manche. Solche, die Prince, Pierre Boulez, Achim Mentzel, George Michael, Hugo Strasser, Leonhard Cohen, Roger Cicero, Glenn Frey, David Bowie oder auch Manfred Durban von den „Flippers“ schmerzlich vermissten. Die Fußballfans trauerten um Sascha Lewandowski und Johan Cruyff, die Hobby-Boxer um Muhammed Ali. Literaten mussten sich von Erika Berger, Harper Lee, Umberto Eco oder Elli Wiesel verabschieden. Auch Zaha Hadid, die berühmte Architektin, Dübel-Unternehmer Artur Fischer oder der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer verstarben. Und der mediale Nachruf war für all diese Menschen aufgrund ihres Wirkens angebracht. 
Doch war 2016 damit ein besonders verlustreiches Jahr? Im Vergleich zu früher bestimmt. Aber liegt das nicht daran, dass es sich in einer schnelllebigen Gesellschaft schneller rumspricht, wenn uns medienpräsente Menschen, die verschiedene Generationen geprägt haben, für immer verlassen? Und man heutzutage einfach schneller mediale Aufmerksamkeit bekommt, als noch vor zwanzig Jahren? Oder gar zu Zeiten, als Fernsehen und Internet noch nicht so real waren? Fakt ist, ohne Ray Tomlinson, den Erfinder der E-Mail, der im März 2016 verstarb, hätte die Welt die ein oder andere Nachricht sicher nicht erhalten.

Medien und Gesellschaft haben sich verändert

Dass Medien aber nicht nur trauern, sondern auch Angst verbreiten können, hat sich 2016 ebenfalls oft gezeigt. Wie viele Sondersendungen gab es zu dem geflohenen Terrorverdächtigen Dschaber al-Bakr, der der sächsischen Justiz entkommen konnte, von anderen syrischen Flüchtlingen überwältigt und der Polizei ausgeliefert wurde und schlussendlich in der JVA Leipzig Suizid beging? Wie lange wurde über den Amoklauf im Münchner Olympiazentrum oder den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt mit einem polnischen LKW berichtet? Wie viele Reporter berichteten aus Nizza, als ein Lastwagen im Juli durch eine Menschenmenge fuhr und 86 Personen in den Tod riss?
Natürlich, all diese Taten waren und sind grauenvoll. Und zu einer ausgewogenen Berichterstattung gehört dazu, über solche Ereignisse zu berichten. Doch alle Medien schüren damit die Verunsicherung in der Bevölkerung, die sich in der Frage nach der inneren Sicherheit entlädt. Das wichtigste Wahlkampfthema für die Bundestagswahl 2017 dürfte nach den jüngsten Anschlägen (Axt-Angriff in einer Regionalbahn in Würzburg; Ansbach; Berlin), die inzwischen eben auch in Deutschland voranschreiten, feststehen. Und der größte Profiteur, nämlich alle politischen Akteure, die mit der Angst spielen und populistische Thesen verbreiten, ebenfalls. Wie sonst konnte sich das Brexit-Lager in Großbritannien durchsetzen und die Briten somit letztendlich für ein Ausscheiden aus der Europäischen Union votieren? Wie sonst konnte Donald Trump die US-Wahl gegen Hillary Clinton für sich entscheiden? Wie sonst konnte die AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 24,3 Prozent der Stimmen erlangen?

Regiert ausschließlich die Angst?

Früher dachte man, Terror und Krieg, das sei alles furchtbar weit weg. Ägypten, Afghanistan, Libanon, Mali, Israel oder Ruanda… Aber Europa war für viele ein Ort des Friedens und des Wohlstands.  Dass dies aber kein gegebener Status quo ist, sondern Tag für Tag neu errungen werden muss, dass scheinen viele Europäer dieser Generation verdrängt zu haben. Das Selbstverständnis, dass Terror und Krieg in Europa möglich sein können, war für viele Menschen scheinbar unvorstellbar. Weil sie es selbst nie miterleben mussten. Heute rücken weniger Panzer, sondern stattdessen vereinzelte Terroristen näher an die eigene Haustür, der IS verübt Anschläge in Brüssel, Nizza oder Berlin. Die Verunsicherung steigt, die Angst ebenso. Und in panischen Effekthandlungen werden rechte Gedanken plötzlich wieder salonfähig, Populisten wählbar und das Fremde, oder eben männliche Flüchtlinge in Sachsen und Vorpommern, kategorisch vorverurteilt.
Keine Frage, Übergriffe, wie in der Silvesternacht in Köln, der Mord an der Freiburger Studentin oder eben Anschläge und Attentate von Einzeltätern sind absolut zu verurteilen und zu bestrafen. Aber brennende Flüchtlingsunterkünfte und ein brauner Mob, der in Freital, Clausnitz oder anderen Orten gegen Asylbewerber im Allgemeinen Stimmung macht, sind unter keinen  Umständen zu rechtfertigen. Ein pöbelnder Mob, der bei den Feierlichkeiten am Tag der deutschen Einheit in Dresden gegen Politiker Stimmung macht, auch nicht. Sicherlich gibt es schwarze Schafe unter den Flüchtlingen, die aus Syrien oder Afghanistan geflohen sind. Solche Menschen könnten aber auch genauso gut einen deutschen, österreichischen oder dänischen Pass besitzen. Denn schwarze Schafe gibt es in jeder Gesellschaft. Und es handelt sich bei jeder Tat um Taten von Menschen, nicht von Nationalitäten.

Was ist nur los in der Welt?

Auch 2016 gab es Flugzeugabstürze (Egyptair über dem Mittelmeer), Naturkatastrophen (Hurrikan Matthew in den USA) und Erdbeben wie im mittelitalienischen Amatrice oder in Taiwan. Das ist schlimm, keine Frage. Und für alle persönlichen Schicksale tragisch und unbegreiflich. Wie kann man Angehörigen erklären, dass ein geliebter Mensch bei Unwettern in Braunsbach, dem Zugunglück in Bad Aibling oder einem Hubschrauberunglück in Norwegen ums Leben kam? Das ist kaum möglich zu erklären und noch schwieriger zu verstehen. Nur machen solche Ereignisse ein Jahr nicht automatisch zum schlimmsten Jahr aller Zeiten, wie viele Apokalyptiker behaupteten. Vielmehr ist das der normale Wahnsinn, den so ziemlich jedes Jahr für uns bereit hält. Das, woran wir uns fast gewöhnt haben – wohl aber dran gewöhnen müssen.
Nein, es gibt andere Gründe, die Apokalyptikern recht geben mögen. Denn viele Probleme in anderen Ländern nicht von jetzt auf gleich verschwunden, nur weil medial primär über die zahlreichen innereuropäischen Ereignisse berichtet wird: Der Krieg in Syrien tobt weiter, der Nahostkonflikt ist nachwievor ungelöst, Pegida geht noch immer montags spazieren, auch chinesische Ansprüche im westchinesischen Meer, die Ukrainekrise, die Taliban, Kim Yong Un oder die Terrormiliz Boko Haram in Nigeria existieren noch immer auf der globalen Konfliktkarte. Und dazu gibt es spätestens seit diesem Jahr einen neuen Konfliktherd: Die Türkei. Mehrere schwere Selbstmordattentate haben das Land 2016 schwer getroffen. Explosionen erschütterten nicht nur den Flughafen in Istanbul, sondern auch das bei Touristen beliebte Stadtzentrum am Bosporus. Zudem traf es mehrfach die Hauptstadt Ankara und eine kurdische Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep. Wie konnte das so fortschrittliche Land binnen so kurzer Zeit abrutschen? Es werden schon lange EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei geführt und nun versucht das Militär einen Putsch und Präsident Recep Tayyip Erdoğan baut das Land weiter in einen autokratischen Staat um: Erdoğan entlässt tausende Staatsbedienste, tritt die Pressefreiheit mit Füßen und ließ sich durch ein Schmähgedicht von Jan Böhmermann derart provozieren, sodass er diesen verklagen und das Gedicht verbieten lassen wollte.

„2016 - Es war doch nicht alles schlecht“

Gab es also 2016 nichts, was Hoffnung macht? Doch. Wir haben gelernt, dass Österreicher große Schwierigkeiten haben können, einen neuen Bundespräsidenten zu wählen und dass Briefumschläge, die nicht kleben, dabei eine wichtige Rolle spielen können. Dass die Schweizer einen 57 Kilometer langen Bahntunnel unter den Alpen bohren können und er pünktlich und im Kostenrahmen eröffnet wird. Dass man sich in Deutschland auf eine Neuregelung zum Länderfinanzausgleich einigen und die unbeliebte PKW-Maut auch bei der EU-Kommission durchsetzen kann. Wir haben festgestellt, dass Cristiano Ronaldo große Titel gewinnt und Portugal Fußball-Europameister wurde. Dass RB Leipzig die Bundesliga aufmischt und Traditionsvereine wie Stuttgart oder Hannover dafür absteigen mussten. Dass Nico Rosberg 2016 Formel 1-Weltmeister wurde und auf dem Höhepunkt seiner Karriere die selbige beendete.
Und sonst so? Ein Trabi überschlug sich bei Paderborn, weil er auf Schneckenschleim ins Schleudern gekommen war. Frauke Petry heiratete Markus Pretzell und Beatrix von Storch rutschte aus Versehen auf ihrer Maus aus, #mausgerutscht. Jan Böhmermann schleuste den Schildkröten-Fan Robin bei „Schwiegertochter gesucht“ ein und Deutschland wurde Europameister im Handball. Leicester City gewann sensationell die britische Premier League, Angelique Kerber feierte im Tennis große Erfolge, und Rio de Janeiro war ein erfolgreicher Gastgeber für die Olympischen Spiele. Das Horror-Clown-Phänomen hatte sich gegen Ende des Jahres zum Glück aufgelöst. Juan Manuel Santos bekam den Friedensnobelpreis für den Friedensprozess in Kolumbien und das schwedische Königshaus konnte sich über neuen Familienzuwachs freuen.

Machen wir uns die Gegenwart selbst zu schlecht?

Es gab insgesamt viele positive Nachrichten, die allesamt mehr Beachtung verdient hätten, durch negative jedoch überlagert wurden. Weil sich der Mensch langfristig eher an den toten Lieblingssänger erinnert oder an den Brennpunkt zum Berliner Weihnachtsmarkt, kommt uns 2016 so unsagbar schlecht vor. Es war insgesamt ein bisschen too much, des Guten zu viel. Aber ist die Welt daran schuld? Oder vielleicht doch wir selbst? Der Psychiater Hans-Georg Maaz drückte es in der Süddeutschen Zeitung jedenfalls folgendermaßen aus: „Negative Nachrichten laufen auch deshalb besser als positive, weil uns dieses Außenelend von unserem Innenelend ablenkt. Wir suchen nach äußeren Gründen für unsere eigene Unsicherheit“. 
Wenn es danach geht, sollten wir also zuerst selbst voran gehen und positiv nach vorne schauen. Die Hoffnungen, dass 2017 anders wird, sind ja berechtigt: Das Wahljahr 2017 mit der Bundestagswahl, der Bundespräsidentenwahl, wichtigen Landtagswahlen, Wahlen in Frankreich und den Niederlanden wird mit Sicherheit spannend. Die Elbphilharmonie wird eröffnet und auch die ICE-Neubaustrecke Nürnberg – Erfurt. Und aufgrund von 500 Jahren Reformation wird der 31. Oktober 2017 erstmalig ein gesamtdeutscher Feiertag. „Des Guten ein bisschen zu viel“ – eine andere Lesart dieser Phrase wäre doch eine schöne Aussicht für die nächsten Monate.

                                                                                                                                                                                                                   Text_Daniel Möck