Samstag, 18. Februar 2017

Massentierhaltung und Agrarpolitik - wo die Moral endet

Massenhaft Tiere zu züchten und sie unter lebensverachtenden Bedingungen zu halten, um sie später wie am Fließband zu schlachten ist moralisch verwerflich. Aber wo endet hier die Moral? Woher kommt das ganze Futter für die Menge an Nutztieren? Was passiert eigentlich mit den Agrarflächen auf denen diese Futtermittel angebaut werden und wie beeinflusst dieser Anbau das Leben der Einheimischen und unser Ökosystem?

Lange schon wird seitens der Politik versäumt, sich für eine angemessene und naturverträgliche Landwirtschaft einzusetzen.
Die Moraldebatte bezieht sich hauptsächlich auf den Umstand der Haltung der Tiere und die daraus resultierende globale Erwärmung aufgrund der vermehrt produzierten Methangase durch die Massentierhaltung, welche immerhin 18 bis 51 Prozent des weltweiten Treihausgasausstoßes hervorrufen, und damit schon besorgniserregend genug sein sollten. Eine weitere wichtige Frage ist jedoch: Was passiert eigentlich mit den Agrarflächen auf denen die Futtermittel für die Tiermassen hergestellt werden, die versorgt werden müssen, ja sogar gemästet werden, damit sie schnellstmöglich den Schlachtstatus erreicht haben? Tatsächlich profitiert die industrielle Tierhaltung seit Jahren von der europäischen Agrarpolitik. Dabei verursachen  Massentierhaltung und Fleischexporte der europäischen Landwirtschaft gravierende Probleme im Bereich der Welternährung und Armutsbekämpfung. Sowohl die kleinbäuerliche Landwirtschaft, als auch die mittelständische lokale Fleischverarbeitung der Entwicklungsländer geraten durch die europäischen Exporte unter massiven Druck, wobei die Kleinbauern ihrer Existenzgrundlage beraubt werden.

Anbaugebiete sind durch Soja blockiert

Das derzeit vorherrschende Angebot der Fleisch-und Milchproduktion der EU ist nur durch die hohen Futtermittelimporte möglich, wobei es sich vor allem um Sojaschrot handelt, der  wegen des hohen Eiweißgehaltes beliebt ist. Das hat zur Folge, dass in den jeweiligen Anbaugebieten, vorrangig in Südamerika, die Agrarflächen für die Nahrungsmittelproduktion durch den Anbau von Sojabohnen blockiert werden, was wiederum zu Hunger und Vertreibung der Einheimischen führt. Zusätzlich wirkt sich der monokulturelle Anbau negativ auf das Klima und die biologische Vielfalt des Gebiets aus, was erhebliche Umweltschäden hervorruft.

Der Anbau von Soja erfordert viel Platz. Während noch vor 15 Jahren Soja in Argentinien auf einer Fläche von ca. einer Million Hektar angebaut wurde, hat sich das Anbaugebiet inzwischen auf eine Fläche von 18 Millionen Hektar vergrößert. Spitzenreiter beim Anbau von Soja ist Brasilien, von dort kamen 2003 und 2004 75 Prozent der weltweit angebauten Sojabohnen. Um den Anbau zu ermöglichen werden immer wieder auch die Schutzbestimmungen des Regenwaldes gelockert oder gar frei ausgelegt und so werden große Teile des Regenwaldes für den Anbau der Sojabohne gerodet. Dies ist nicht nur der Grund für den Verlust der Artenvielfalt, sondern auch für das Austrocknen des Bodens. Auch die Bewirtschaftung der Sojapflanzen, unter Verwendung von Pestiziden und Chemikalien, lässt ganze Landstriche veröden. Zurück bleibt nur das tote, ausgedörrte Land. Die meisten der Pflanzen sind gentechnisch verändert und werden mit aggressiven Pestiziden behandelt, damit die riesigen Monokulturen ausreichend Ertrag bringen können.

Soja – Einseitiger Profit

Zwar wird mit dem Sojaanbau viel Geld verdient, jedoch profitieren hiervon die wenigsten Menschen in den Erzeugerländern. Allein in Brasilien sind  46 Prozent des Landes im Besitz von lediglich  einem Prozent der Bevölkerung. Da die Kleinbauern mit den Großunternehmen nicht konkurrieren können müssen sie ihr Land verkaufen und auch die indigene Bevölkerung Südamerikas, welche ihre Existenzgrundlage im Regenwald finden, verlieren durch die Abholzung Heimat und Lebensgrundlage. Zudem wirken sich die aggressiven Anbaumethoden auf die Gesundheit der in den Anbaugebieten lebenden Bevölkerung massiv aus. Besonders erschreckend ist die Tatsache, dass die Menschen in vielen Anbaugebieten Hunger leiden, obwohl sie von landwirtschaftlichen Hochleitungskulturen umgeben sind, welche jedoch ausschließlich für die Ernährung von Tieren in reichen Industrieländern gedacht sind. Ein Kilo Fleisch erfordert dabei bis zu 16 Kilo Futtermittel, ganz zu schweigen vom Wasserverbrauch. Auf der dafür benötigten Ackerfläche wäre man im Stande 160 Kilogramm Kartoffeln zu ernten.

Keine Chance für Kleinbauern

Und auch in Deutschland sind die Folgen der politisch vorangetriebenen Überschussproduktion negativ zu bewerten, da der sich ergebende Preisdruck die Massentierhaltung begünstigt und auch bei uns die kleinbäuerlichen Betriebe verdrängt. Keine Beachtung finden hierbei Umwelt- Tier- und Klimaschutz. Die EU drängt dennoch auf einen höheren Export von Milch- und Fleischprodukten und auch für den Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, ist die Massentierhaltung aus wirtschaftlichen Gründen unabdingbar, weshalb bislang keine wesentliche Neuorientierung der Agrarpolitik zu verzeichnen ist. Bis dato landen 80 Prozent der weltweit produzierten Sojabohnen in den Futtertrögen von Mastvieh. Die EU-Länder sind neben Japan, China und den USA die größten Abnehmer. Um die Situation der jeweiligen Anbauregionen zu verbessern sind die Regierungen der weltweiten Abnehmer gefragt, welche auf faire Handelsabkommen und eine strengere Kontrolle der Herstellungs- und Anbaubedingungen bestehen sollten, um die produzierenden Länder zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Mensch und Natur zu zwingen.

Endverbraucher in der Verantwortung

Aber das allein reicht nicht aus, denn auch der Endverbraucher ist in dieser Debatte gefragt. Bei vielen Fleischessern ist bereits ein Umdenken zu verzeichnen. So macht man sich heute vermehrt Gedanken über die Herkunft und Aufzucht der Tiere, die man verspeist. Ein durchaus sinnvoller Ansatz, denn werden die Mehrkosten in Kauf genommen, so ist es realistisch Tiere großzuziehen, welche mit Futtermitteln, angebaut in Deutschland, versorgt werden, was wiederum Transportkosten und Umweltverschmutzung verringert. Wer dennoch nicht gewillt ist mehr Geld für Fleisch zu investieren, kann auf eine andere Alternative umsteigen, die da lautet: Weniger Fleisch essen. Berechnungen haben ergeben, dass ein fleischloser Tag pro Woche, jährlich 157 Millionen weniger Tiere das Leben kosten würde, was die Kosten für Aufzucht, Ernährung, sowie den Ausstoß von Treibhausgas, den Anbau von Soja und den damit schwindenden Regenwald, sowie die massive Belastung der Menschen und der Natur in den Anbauregionen erheblich minimiert. Es liegt also an jedem einzelnen von uns (s)einen Teil zum bewussteren Umgang mit Mensch, Tier und Natur beizutragen.


                                                                                                          Text_Charlotte Jacobi