Mittwoch, 29. März 2017

Die "Marx und Moritz-Universität"

Für eine Universität ist die Uni Bremen noch relativ jung – und steht in dem Ruf besonders links zu sein. Nicht ganz zu Unrecht: Wir haben uns über ihre Geschichte und die aktuelle Hochschulpolitik dort informiert.

Ihren Spitznamen „Marx und Moritz-Universität“ verdankt die Uni Bremen dem damaligen Bildungsminister Moritz Thape (SPD), der politisch für ihre Gründung verantwortlich war, und eben ihrem Ruf, eine linke Kaderschmiede zu sein.
Allerdings waren ihre Gründung 1971 und ihre ersten Jahre mit vielen Kontroversen verbunden. So zerbrach die damalige sozialliberale Koalition mit dem Ausscheiden der FDP aus der Regierung vor allem an den Streit um die Ausrichtung der Universität. Auch wenn ihr Bau bereits Anfang der 1960er Jahre geplant wurde, stand die Gründung im Zeichen der 68er-Bewegung und auch der ersten sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt. Ziel war es, eine „Reformuniversität“ aufzubauen, die mit den Strukturen und Traditionen der deutschen Universitätslandschaft brechen sollte. Die Forschung sollte daher vor allem interdisziplinär und praxisnah strukturiert werden. Zunächst wurden auch keine Vorlesungsräume gebaut, da das Format eines Professors, der unhinterfragt den Studierenden Stoff vorkaut, abgelehnt wurde. Gesamt besaßen die Dozierenden, vor allem die Professor*innen, in der Gründungsphase der Universität wenig Privilegien. Beispielsweise hatten diese zunächst keine eigenen Büros. Stattdessen gab es öffentliche Arbeitsräume, in denen sowohl Dozierende als auch Studierende arbeiteten. Bis heute gibt es an der Uni Bremen auch nicht jene klare Hierarchie der Lehrstühle, wie man sie an älteren Universitäten findet.

Von den „wilden Jahren“ zur Exzellenzinitiative

Die linksalternative Ausrichtung der Universität zog natürlich gerade im damaligen Zeitgeist entsprechende Dozierende und Studierende an. Doch trotz des linken Grundkonsens gab es zwischen verschiedenen linken Gruppen wie Kommunist*innen oder Anarchist*innen Konflikte. Dozierende aus der Gründungsphase berichten, dass oftmals ihre Seminare durch andersdenkende Gruppen gestört wurden oder es gar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam. Diese Entwicklung führte dazu, dass die Uni Anfang der 1980er Jahre ziemlich isoliert dastand. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wollte die Universität Bremen nicht aufnehmen, da die Forschung nicht den Qualitätskriterien entsprach und man sich weigerte, Artikel in Zeitschriften wie der „Roten Fahne“ als wissenschaftliche Publikationen anzuerkennen. Auch die Stadt distanzierte sich von der Uni, indem sie aufhörte, die fertigen Lehramtsstudierenden als Lehrer*innen einzustellen.
Die chaotische Lage sorgte für ein Umdenken auch innerhalb der Universität. Zunächst wurde die Neubesetzung von Stellen sorgsamer vorgenommen und der naturwissenschaftliche Teil der Universität ausgebaut. Beispielsweise wurde ein neuer geowissenschaftlicher Fachbereich gegründet, der sich zu einem der Führenden in Deutschland entwickelte. Das Format der Vorlesung wurde eingeführt. Aufgrund der fehlenden Räume musste hierfür extra ein Gebäude gebaut werden, welches nicht umsonst umgangssprachlich „Keksdose“ genannt wird und den betonhaften 70er Jahre-Charme der Uni Bremen perfekt macht. Außerdem wurden Kooperationen mit der Wirtschaft eingegangen, sodass auch die Politik die Universität wieder als ein Wirtschaftsfaktor zu schätzen lernte. Gleichzeitig beruhigten sich Mitte der 1980er Jahre – und etwas später mit dem Fall der Mauer – auch die politischen Gegensätze in der BRD insgesamt. Diese Entwicklung führte dazu, dass sich die Uni 2006 im Bereich Zukunftskonzepte zur universitären Spitzenforschung unter den besten Zehn der bundesdeutschen Universitäten wiederfand. Auch wenn dies eine gewisse Abkehr von den Gründungsidealen bedeutet, haben einige davon, beispielsweise die Praxisnähe, die interdisziplinäre Forschung und das Verständnis von der Verantwortung der Wissenschaft einen großen Anteil an dieser Anerkennung.

Links gegen noch linker

Der besonders linke Ruf der Universität Bremen hat sich bis heute gehalten. Gerade unter den Studierenden gibt es nicht wenige, die sich sogar darüber freuen. Nun ist es kein Bremer Spezifikum, dass die Hochschulpolitik von studentischer Seite links geprägt ist. Im Studierendenrat (SR) befinden sich jedoch die den Jusos nah stehende Liste AfA und der SDS (Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband) in Opposition zum ebenfalls linken AStA. Im Gegensatz zum Rostocker StuRa werden die Mitglieder des SR in Bremen nicht in den einzelnen Fakultäten gewählt, sondern über hochschulpolitische Listen. Diese sind mit einer Ausnahme fast schon naturgemäß links. Die Ausnahme bildet der an westdeutschen Universitäten stets vertretene RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten), der von sich behauptet „verantwortliche Hochschulpolitik jenseits von Ideologien“ zu betreiben, sich aber gleichzeitig christlichen Werten verbunden fühlt. Praktisch bedeutet das nicht selten konservative Ansichten und Aktionen, die von den meisten hochschulpolitisch aktiven Studierenden äußerst kritisch gesehen werden.

Nur in der Ablehnung der Ideen des RCDS sind sich dementsprechend die diversen linken Hochschulgruppen ausnahmsweise einig. Die meiste Zeit jedoch führt das Wahlsystem über politische Listen zu einem tiefen Konflikt zwischen jenen Gruppen, die den AStA stellen und jenen, die nicht dazu gehören. Im Bremischen SR sitzen 25 Studierende von insgesamt elf Listen. Während in Rostock AStA-Posten relativ unabhängig von hochschulpolitischen Zugehörigkeiten besetzt werden, werden in Bremen politische Koalitionen geschmiedet und allein die daran beteiligten Listen entscheiden über die Besetzung der Referate. Derzeit wird der AStA von einer Mehrheit aus Die PARTEI, LiSA (Liste der Studiengangs-Aktiven), der Grün-Alternativen Liste, der Queer-Feministischen Liste, der Tierrechtsliste und StuZu Jura gestellt.

Unterschiede, Gemeinsamkeiten, überall die gleichen Probleme?

Einen weiteren interessanten Unterschied zwischen Rostock und Bremen gibt es bei den Fachschaftsräten: diese heißen in Bremen Stugen (in der Einzahl StugA, offiziell für Studiengangs-Ausschuss). In einer jährlichen Vollversammlung jedes einzelnen Studiengangs werden ein kleiner Kreis aktiver StugA-Mitglieder (meist die Sprecher*innen) und Finanzer*innen des StugA gewählt – davon abgesehen steht die Mitarbeit in jeder Form allen Studierenden offen, es gibt keine gewählten einfachen Mitglieder. Darin zeigt sich ein anderes Verständnis der Partizipation der Studierenden in ihrem Fachbereich: alle sollen sich direkt beteiligen können. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass die im StugA aktiv werdenden Studierenden sich weniger verantwortlich fühlen, da die meisten schließlich nicht gewählt wurden. Die Dynamik der Stugen ist jedenfalls eine offenere als bei den Rostocker Fachschaftsräten.

Trotz aller Unterschiede in der Struktur der Hochschulpolitik, sind die Themen und Probleme meist die gleichen. In mancher Hinsicht zeigt sich wie progressiv Bremen ist: so ist eine Anwesenheitspflicht an der gesamten Universität ausgeschlossen (Laborpraktika aufgrund der absolut begrenzten Anzahl der Laborplätze ausgenommen) und in der Hansestadt gilt eine Zivilklausel, die Forschung für militärische Zwecke ausschließen soll. Allerdings bestehen Meinungsverschiedenheiten in der Auslegung, jüngst hat der Akademische Senat (an der Uni Bremen gibt es kein Konzil, der Senat ist das höchste beschlussfassende Gremium) die Einrichtung von zwei neuen Master-Studiengängen im Jahr 2017 beschlossen. Offiziell geht es um zivile Luft- und Raumfahrttechnik, doch zahlreiche Absolvent*innen werden nach dem Studium wohl in der Rüstungsindustrie angestellt – ein Anknüpfungspunkt für die organisierte Studierendenschaft, um eine striktere Einhaltung der Zivilklausel zu fordern.

Im Dezember wurde der Rektor wiedergewählt, jedoch nicht ohne kritische Nachfragen von studentischer Seite, unter anderem zu diesem Thema. Der einzige zugelassene Gegenkandidat, der zurzeit in Ecuador doziert, hatte einige Wochen zuvor seine Kandidatur zurückgezogen. Ganz nebenbei leitet der Rektor die Sitzungen des Akademischen Senats – jenes Gremium, das ihn nicht nur wählt, sondern auch kontrollieren soll. Demokratietheoretisch kann man sich daran durchaus stören. Die Studierendenschaft hat indes ihre eigenen Probleme: selbst wenn gerade mal keine Studiengebühren eingeführt werden sollen (solche bestehen allerdings für Langzeitstudierende), gibt es andere Klassiker, wie das Semesterticket. Momentan steht der Bremische AStA in Verhandlungen, die im Ergebnis zu einer Erweiterung des Semestertickets führen sollen. Bereits jetzt können Bremer Studierende nicht nur in Bremen und Umgebung den ÖPNV nutzen, sondern außerdem die Busse und Bahnen von zwei weiteren Verkehrsbetrieben sowie Stichstrecken u.a. nach Hamburg und Hannover. Viele weitere Städte in Niedersachsen und den angrenzenden Bundesländern könnten hinzukommen. Alternativ könnte es jedoch auch passieren, dass die Studierenden in Zukunft nur noch in Bremen und in der direkten Umgebung die öffentlichen Nahverkehrsmittel nutzen dürfen, sich zum Beispiel für Hamburg aber wieder ein Ticket kaufen müssen. Saftige Preiserhöhungen gibt es so oder so regelmäßig. Das unterstreicht, dass es überall noch viel für die hochschulpolitischen Gruppen zu tun gibt.


Text_Steffen Bartzik und Tom Seiler