Sonntag, 9. April 2017

Duverges (drittes) Gesetz - eine unumstößliche Tatsache?

1951 formulierte Maurice Duverger eine Hypothese, welche bis heute als Common Sense bezüglich des Zusammenhangs zwischen Wahl- und Parteiensystemen gilt: „Die einfache Mehrheitswahl führt zu einem Zweiparteiensystem […]“.
Im Folgenden soll zunächst eine Einführung in die Logik dieser Hypothese gegeben werden, um anschließend am Fall Großbritannien eine Validitätsprüfung vorzunehmen.

Das klassische Beispiel für ein Mehrheitswahlrecht in Einerwahlkreisen stellt Großbritannien dar. Um die 649 Sitze des Unterhauses (House of Commons) zu vergeben, wird das Land in ebenso viele Wahlbezirke aufgeteilt. Jeder Wahlkreis erhält demzufolge ein Mandat.
Die englische Bezeichnung Single Member Simple Plurality System trifft bereits alle wichtigen Aussagen zum Wahlmodus innerhalb der Bezirke. Der Kandidat mit der relativen Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhält das Mandat, während alle weiteren Stimmen keinerlei politische Repräsentation erhalten. Statistisch besteht somit – in Abhängigkeit von der Anzahl der Kandidaten im Wahlkreis – bereits mit niedrigen Prozentzahlen der Stimmen eine realistische Chance auf das Mandat.

An dieser sogenannten Majorz-Entscheidungsregel setzt Duvergers Hypothese an. Sie geht davon aus, dass Wähler als rationale, nutzenmaximierende Akteure agieren. Um Duvergers Logik zu verstehen soll eine hypothetische Situation in einem Einerwahlkreis konstruiert werden: Konkurrieren etwa zehn Kandidaten um das Mandat ist es möglich mit bereits weniger als zehn Prozent eine relative Mehrheit zu erreichen. Die übergroße Mehrheit der Stimmen fällt in diesem Fall also unter den Tisch (mechanischer Selektionseffekt). Der rationale Wähler wird somit bei den nächsten Parlamentswahlen (oder vielleicht bereits antizipierend) eine Abwägung zwischen seiner politischen Einstellung und seinem Streben nach politischer Repräsentation treffen. Er wird dann seine politische Präferenz zum Teil aufgeben, um seine Chance auf politische Repräsentation zu erhöhen. Konkret bedeutet dies, dass er nun nicht mehr Kandidat A wählt, welcher seiner politischen Präferenz zwar am besten entspricht, jedoch keinerlei Chancen auf das Mandat hat. Stattdessen wandelt er sein ursprüngliches Wahlvorhaben marginal ab, und wählt etwa Kandidat B, welcher mit seiner politischen Präferenz zwar nicht vollkommen deckungsgleich ist, jedoch realistischere Chancen auf Repräsentation verspricht (psychologischer Selektionseffekt). In der Summe entsteht für ihn daraus ein größerer Nutzen, da sich die Wahrscheinlichkeit politisch repräsentiert zu werden und somit Teile seines politischen Willens umzusetzen erhöht. Dieser, sich wechselseitig verstärkenden Prozess zwischen mechanischem und psychologischem Effekt, führt zu einer immer stärkeren Reduktion der relevanten Kandidaten/ Parteien. Auf der letzten Stufe dieses Prozesses stehen sich schließlich nur noch zwei Protagonisten gegenüber, was dem Zweiparteiensystem entspricht.

Der methodische Ansatz: Die effektive Parteienzahl

Um Duvergers Hypothese statistisch zu überprüfen, muss also die Anzahl der Parteien betrachtet werden. Gerade bei relativer Mehrheitswahl können in regionalen Hochburgen immer wieder kleine Parteien einzelne Sitze gewinnen. Die rohe Anzahl der Parteien im Parlament wäre dementsprechend wenig aussagekräftig, da sie die Kräfteverhältnisse der Parteien missachtet. Aus diesem Grund soll für die folgende statistische Analyse das Konzept der effektiven Parteienzahl von Laakso und Taagepera (1979) verwendet werden.[1] Dabei werden die Parteien jeweils mit ihrem Anteil an der Grundgesamtheit gewichtet. Eine Partei mit bspw. 50 Prozent Anteil fällt somit besonders stark ins Gewicht, während eine Partei mit sehr niedrigen Prozentzahlen einen wesentlich geringeren Einfluss auf den Wert des Index hat. Aussagekräftig ist das Konzept aber nur dann, wenn man zusätzlich zwischen effektiven Parteien nach Stimmanteilen (Stimmwert) und effektiven Parteien nach Mandaten (Mandatswert) unterscheidet. Der Stimmwert gibt an, wie groß die Anzahl der ‚wichtigen‘ Parteien vor der Anwendung der Majorz-Entscheidungsregel ist. Hingegen spiegelt der Mandatswert die tatsächliche politische Realität im Parlament wider (nach der Anwendung der Majorz-Entscheidungsregel). Isoliert sind diese beiden Indikatoren nur bedingt aussagekräftig, da stets eine erklärende Bezugsgröße fehlt. Erst durch die Differenz zwischen Stimmwert und Mandatswert ist es möglich eine sinnvolle Interpretation von mechanischem- und psychologischem Effekt zu gewährleisten.

Das Fallbeispiel Großbritannien

Aus analytischen Gründen sollen zur Analyse des Fallbeispiels Großbritannien die Zeiträume 1945-1970 und 1974-2015 getrennt untersucht werden, da sich an ihnen ein beachtlicher Entwicklungsprozess abzeichnet. Betrachtet man den Zeitraum 1945-1970 zeigt sich, dass der Mandatswert in diesem Zeitraum beinahe konstant bei zwei effektiven Parteien (durchschnittlich 2,04) lag. Die zwei großen Catch-all Parteien (Labour- und Conservative Party) teilten unter sich somit beinahe alle Sitze des Unterhauses auf. Im gleichen Zeitraum betrug der durchschnittliche Stimmwert 2,37 effektive Parteien. Die Differenz zwischen effektiver Parteienzahl vor der Anwendung der Majorz-Entscheidungsregel und danach ist also relativ gering. Sie lässt sich insofern interpretieren, dass die wechselseitig wirkendenden psychologischen- und mechanischen Effekte zu einer Anpassung des Wählerverhaltens führte, wodurch der Nutzen von zwei möglichst großen Wählergruppen maximiert wurde. Die Wähler antizipierten somit bereits, unter Berücksichtigung ihres marginal angepassten politischen Willens, in einem hohen Maß die möglichen Erfolgschancen der Parteien.

Untersucht man nun den Zeitraum von 1974 bis 2015 zeigt sich ein erstaunlicher Trend: Der Stimmwert steigt rapide an (auf durchschnittlich 3,27) und ist v. a. bei den Wahlen von 2010 und 2015 noch deutlicher verschoben. Gleichzeitig steigt der Mandatswert jedoch vergleichsweise geringfügig auf 2,28 effektive Parteien an. Der große Unterschied zwischen Stimm- und Mandatswerten lassen sich auf den starken mechanischen Effekt der Mehrheitswahl zurückführen. Er wirkt in diesem Fall wie eine Art Filter auf das Wahlergebnis, welcher im vorangegangenen Zeitraum durch die stark antizipierenden Wähler nicht zum Vorschein kam. Folgt man Duvergers Modell dürfte es jedoch erst gar nicht so weit kommen, schließlich beruht es auf der Annahme, dass die Wähler ihre Wahlabsicht nach einem rationalen Muster an die zu erwartende Erfolgschancen der Parteien anpassen. Nun scheinen hierfür zwei Erklärungsansätze erfolgsversprechend: 

1. Die Wähler haben aufgehört nach der nutzenmaximierenden Methode zu wählen.

2. Der Nutzen der schrittweisen marginalen Abänderung der ursprünglichen Wahlpräferenz übersteigt nicht mehr deren Kosten.

Möchte man bei der ursprünglichen Rationalitätsannahme Duvergers bleiben kommt nur die zweite Antwortmöglichkeit in Betracht. Doch was ist der Grund dafür, dass die Wähler nun keinen maximierten Nutzen mehr aus der Abwandlung ihres Wählerwillens haben? Um diese Frage zu beantworten muss die Entstehung und die Funktion von Parteien beachtet werden. Massenparteien entstanden aus historisch gewachsenen gesellschaftlichen Konflikten und vertreten, im weitesten Sinn, die Interessen dieser Konfliktparteien. In einem Parteienspektrum einer liberalen westlichen Demokratie spiegeln sich also auch immer gesellschaftliche Konfliktlinien (Cleavages) wider. Blickt man nun auf den Zeitraum zwischen 1945-1970, lässt sich ein gesellschaftlicher Hauptcleavage zwischen ‚Arbeit‘ und ‚Kapital‘ feststellen. Dabei steht auf der einen Seite die Labour Party, als Vertretung der Arbeiterschaft, und auf der anderen Seite die Conservative Party, welche die Mittel- und Oberschicht vertritt. Die klare gesellschaftliche Polarisierung fördert also die Funktionalität des Mehrheitswahlrechts und seine stark strukturierende Wirkung auf das Parteienspektrum.

Ab 1974 scheint dieser Cleavage durch zwei Entwicklungstendenzen überlagert und fragmentiert: 

1. Scheint sich die Gesellschaft im Gesamten, abseits des Hauptcleavages, stärker zu diversifizieren, was sich in den steigenden Stimmwerten weiterer gesamtnational antretender Parteien wie etwa den Liberal Democrats oder der UK Independence Party (UKIP) zeigt.

2. Scheint sich der Konflikt zwischen Teilen der Nationalregionen und London verstärkt in einem Cleavage zwischen ‚Zentrum‘ und ‚Peripherie‘ niederzuschlagen. Davon zeugen zahlreiche erfolgreiche regionale Parteien wie die Scottish National Party (SNP).

Erstere Entwicklungstendenz kann für das Aufbrechen des Zweiparteiensystems nur dann relevant sein, wenn sie eine ausreichende Größe erreicht um von den Vorteilen der Mehrheitswahl zu profitieren, bzw. den Vorteil der beiden großen Parteien zu marginalisieren. Bis dato sind diese eher kleinen gesamtnationalen Parteien jedoch die großen Verlierer, da sie ihre Stimmanteile kaum in Mandatsanteile überführen können (bedingt durch den starken mechanischen Effekt). Allerdings bleibt abzuwarten inwiefern sich hier das Brexit-Votum als eine Art Gamechanger erweist. Der Zentrum – Peripherie Konflikt scheint hingegen wesentlich effektiver. Da sich die Anhängerschaft der regional antretenden Parteien in den jeweiligen Regionen konzentriert, können sie dort die notwendigen Mehrheiten erlangen und so effektiv vom Mehrheitswahlrecht profitieren. Die effektive Parteienzahl nach Stimmen geht in diesem Fall mit einer erhöhten effektiven Parteienzahl nach Mandaten einher.

Gesellschaftsstruktur und Mehrheitswahl im wechselseitigen Verhältnis

Berücksichtigt man diese Erkenntnisse kann Duvergers Hypothese wie folgt abgewandelt werden: Ein Mehrheitswahlrecht führt dann zu einem Zweiparteiensystem, wenn die Gesellschaft durch einen Hauptcleavage polarisiert ist. Existiert hingegen keine klare gesellschaftliche Polarisierung wirken mechanischer- und psychologischer Effekt nicht mehr in die Richtung eines Zweiparteiensystems. Die Wähler, welche sich mit keiner der beiden Gruppen anfreunden können, erhalten keinen erhöhten Nutzen aus der vollkommenen Abänderung ihres Wählerwillens. Die Chance auf erhöhte Repräsentation ist in diesem Fall hinfällig, da die in ihrem Namen vertreten Interessen in keiner Weise ihrem tatsächlichen politischen Willen entsprechen würden. Die Chance auf parlamentarische Repräsentation solcher Drittparteien hängt im Wesentlichen davon ab, ob sie es schaffen den mechanischen Selektionseffekt zu überwinden. Dabei spielt besonders die Ausprägung des Cleavages eine Rolle, dessen Repräsentanten die Parteien darstellen. Eine Zentrum – Peripherie Konfliktlinie ist hier besonders effektiv, da regionale Parteien ihre Wählerschaft in Hochburgen mobilisieren können. Vertreter nicht geographisch zu unterteilender Cleavages werden hingegen durch den mechanischen Selektionseffekt benachteiligt, solange sie keine beachtlichen Stimmanteile erhalten.



Text_Niels Wich

[1] Berechnung des ‚Laakso-Taagepera-Index‘ mit folgender Formel: 1 / (P1 + P2 + ... + Pn)