Donnerstag, 20. Juli 2017

Kenias langsamer Weg in eine moderne Zukunft

Das Land im Osten Afrikas, mit Landgrenzen zu Uganda, dem Südsudan, Äthiopien, Somalia und Tansania, hat bis heute unter der britischen Kolonialherrschaft zu leiden. Doch langsam entwickelt sich der Staat am Indischen Ozean zu einem wirtschaftlichen Vorreiter auf dem afrikanischen Kontinent.

Im Jahr 2009 war es so weit, das Bruttoinlandsprodukt in Kenia hatte einen neuen Höchststand erreicht. Es stieg zwischen 2001 und 2009 kontinuierlich von 1,1 auf 5,5 Prozent.
Die Wirtschaftsleistung konnte in großem Maße gesteigert werden, unter anderem deshalb, weil der Tourismus stark an Bedeutung gewonnen hat. Gerade die Nationalparks locken jährlich tausende Besucher an. Kein Wunder, schließlich besitzt Kenia eine außergewöhnliche Flora und Fauna: Giraffen, Löwen, Elefanten und Vogelstrauße locken Safari-Touristen aus aller Welt an. 

Die Hauptstadt Nairobi ist mit 3,2 Millionen Einwohnern das wirtschaftliche Zentrum Kenias. Nahrungsmittel, Textilien und Baustoffe dort werden produziert und in alle Welt verkauft. Der Flughafen „Jomo Kenyatta International“ gilt als der größte Verkehrsflughafen in Zentral- und Ostafrika mit Direktverbindungen etwa nach Zürich, Paris, Hongkong, London oder Frankfurt. Zudem ist Nairobi Sitz des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, sowie zahlreicher internationaler Medien. Das Afrika-Studio des ZDFs beispielsweise ist ebenso in Nairobi angesiedelt, wie ein Büro des chinesischen Fernsehsenders CCTV. 

Kenia liegt im hinteren Drittel des Human Development Indexes

Jedoch, das mag beim schnellen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts schnell vergessen werden, Kenia ist ein armes Land, mit großen Problemen. Nur knapp 45 Prozent der Landbevölkerung hat Zugang zu sauberem Trinkwasser, die Kindersterblichkeit ist hoch, viele Mädchen werden zur Prostitution gezwungen, etwa sechs Prozent der volljährigen Kenianer leiden an AIDS. 

Der Human Development Index (HDI) platziert das Land deshalb auf Position 146, zwischen Myanmar und Pakistan. Das wirkt global betrachtet zwar sehr abgeschlagen und rückständig, die zweiundvierzig Plätze im HDI-Ranking, die hinter Kenia noch folgen, werden hingegen fast ausschließlich von anderen afrikanischen Staaten belegt. Damit soll die Situation in Kenia, nur um Missverständnisse vorzubeugen, nicht beschönigt werden, es ist aber notwendig den Vergleich anzustellen, um das Land in den richtigen Kontext einzuordnen: Für (zentral-) afrikanische Verhältnisse ist Kenia vergleichsweise fortschrittlich.

Kenianische Blumen für die ganze Welt

Mehr als die Hälfte der knapp 47 Millionen Kenianer lebt bis heute von der Landwirtschaft, es werden vorzugsweise Kaffee, Tee, Blumen und Sisal angebaut, welche in westliche Staaten exportiert werden. Im Jahr 2005 galt Kenia als der größte Blumenexporteur der Welt, jede dritte Rose, die am Valentinstag in Deutschland verkauft wird, stammt ursprünglich aus Kenia. 90.000 Menschen arbeiten auf einer der etwa 170 kenianischen Blumenfarmen. Viele der Angestellten dort, können von ihrer Arbeit relativ gut leben – Fair trade sei Dank.

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(1) Eine der vielen kenianischen Rosenfarmen
Viele Bauern produzieren zudem Bananen, Mais, Zuckerrohr, Ananas und Baumwolle, die sie meist jedoch selbst verbrauchen oder aber in geringen Mengen auf lokalen Märkten verkaufen. Es ist ein hartes Geschäft, nur knapp 20 Prozent der Landesfläche Kenias sind fruchtbar. Schlimmer noch: Die intensive Blumenproduktion gräbt dem Land langfristig das Wasser ab. Die Blumen benötigen Unmengen an Wasser, der Naivasha-See droht in Trockenperioden inzwischen immer häufiger auszutrocknen. Seit 2010 finden deshalb Gespräche zwischen der Blumenindustrie, Regierungsvertretern, Umweltschützern und der lokalen Bevölkerung statt. Ein Plan zum nachhaltigen Wassermanagement wurde erarbeitet und wird inzwischen schrittweise umgesetzt. Die Kenianer können nicht anders, sie wissen, wie abhängig sie von saubererem Wasser sind… 

Windenergie und Infrastruktur weisen Kenia den Weg in die Zukunft

Auch die umweltpolitischen Fortschritte machen vor dem Land nicht Halt: Am südlichen Ufer des Lake Turkanas entstand in den letzten Jahren ein riesiger Windpark, bestehend aus 365 Windkraftanlagen. Die letzte Anlage wurde am 08. März diesen Jahres feierlich eingeweiht, der größte Windpark Afrikas südlich der Sahara war fertiggestellt. Von nun an sollen die 365 Maschinen rund 15 Prozent des kenianischen Strombedarfs erzeugen. Die Afrikanische Entwicklungsbank, die Europäische Investitionsbank und der Internet-Konzern Google haben rund 900 Millionen Dollar investiert. In Anbetracht des steigenden Strombedarfs der Kenianer ist dies zwar nur ein erster Schritt, aber ein Anfang ist gemacht. 

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(2) Ingenieure errichten in der Nähe des Lake Turkanas einen riesigen Windpark
Zudem eröffnete im Mai 2017 eine neue Bahnverbindung zwischen der Hauptstadt Nairobi und der Hafenstadt Mombasa. Zuvor hatte es lediglich eine Schmalspurbahn gegeben, die die beiden größten Städte des Landes in 17 Stunden miteinander verband. Nun benötigt man nur noch fünf Stunden für die 470 Kilometer lange Strecke. Ein chinesisches Investmentkonsortium hatte die Neubaustrecke, deren Kosten auf 3,5 Milliarden US Dollar geschätzt werden, innerhalb von fünf Jahren realisiert. Am 31. Mai 2017 gab Staatspräsident Uhuru Kenyatta, Sohn des ersten Präsidenten Jomo Kenyatta, die neue Schienenstrecke feierlich frei. Es ist ein Prestigeprojekt, das Kenyatta bei den Präsidentschaftswahlen im August auch die Wiederwahl sichern soll. 

Dieses Kalkül könnte aufgehen. Obwohl der Präsident aufgrund von Korruptions-vorwürfen umstritten ist, zeigen sich die ersten Nutzer der neuen Schienenverbindung begeistert. Für viele Kenianer ist die neue Art zu reisen ein Quantensprung, vergleichsweise lukrativ noch dazu. Sechs Euro fünfzig kostet eine Fahrt umgerechnet in der zweiten Klasse. Und doch, so bleiben trotz des Fortschritts noch Wünsche offen: WLAN wünschen sich die einen Fahrgäste, besseres Essen im Bordbistro oder häufigere Abfahrten die Anderen. Kein Wunder, die bislang einzige Fahrt pro Tag ist mit 1.500 Menschen stets ausgebucht. Doch in einigen Jahren, wenn die im Bau befindliche Verlängerung der Strecke bis in die ugandische Hauptstadt Kampala fertig ist, dann werden wohl noch mehr Züge rollen, als bisher. 

Text_Daniel Möck


(1) Bildquelle: http://www.handelszeitung.ch/sites/handelszeitung.ch/files/lead_image/rose-kenia-valentinstag.jpg (20.07.2017).
(2) Bildquelle: http://2.bp.blogspot.com/-yTg1_HbyuFE/Up4b72wN7pI/AAAAAAAAHTQ/xha5jIIAISM/s1600/Kenya-wind-energy.jpg (20.07.2017).